Bergsteigen in Chile & Bolivien - 6000er Bergexpedition
21 Tage Bergsteigen im Land der Aymara
Guallatiri (6.063m) – Parinacota (6.342m) – Sajama (6.542m)
Akklimatisationstage
Am Sonntag, den 07.06.09, kommt unsere Gruppe in Santiago de Chile an. Wir verbringen dort zwei schöne Tage und fliegen am Montagabend weiter in die Hafenstadt Arica, wo wir sehr herzlich von der einheimischen Begleitmannschaft empfangen werden. Beim gemeinsamen schmackhaften Abendessen lernen wir uns besser kennen.
Die nächsten Tage verbringen wir zur Akklimatisation im Andendorf Putre auf 3.500m. Abwechslungsreiche Touren führen uns hinauf bis zur 5000er-Marke des Vulkanes Taapaca. Allen geht es sehr gut. Aufgrund der gemächlichen Anpassung an die Höhe hat niemand gesundheitliche Probleme. Am Sonnabend verlassen wir Putre und fahren zum Salar de Surire, einem riesigen Salzsee, eigebettet inmitten karger Gebirgslandschaft. Wir schlagen unsere Zelte direkt an den beeindruckend dampfenden Thermen „Polloquere“ fernab jeglicher Zivilisation auf. Zwei herrliche Tage verbringen wir dort und bezwingen erfolgreich unseren ersten Gipfel, den 5.279m hohen Cerro Chihuana.
Vulkan Guallatiri (6.063m) - Chile
Optimal akklimatisiert geht es zum Basecamp Guallatiri. Bald verlassen wir die Hauptstrasse und holpern über einen schmalen Zufahrtsweg Richtung Berg, die ganze Zeit schon den imposanten Vulkan Guallatiri mit seinen Schwefelfumarolen vor unseren Augen. Das Camp befindet sich auf einem riesigen Sandplatz zu Füssen der Quimsachata Vulkane – grandios!
Nach dem Aufbau der Zelte widmet sich jeder ausführlich der Überprüfung und Anpassung seiner Ausrüstung, wie Schalenschuhen und Steigeisen. Nach dem Abendessen werden wir durch unsere einheimischen Aymara-Guides in die Welt der Aymara-Zeremonien eingeführt. Gemeinsam bitten wir die Berge und ihre Götter um Erlaubnis, die Gipfel besteigen zu dürfen, und um Schutz, so dass alle gesund und glücklich wieder vom Berg herunterkommen werden. Um 19.00 Uhr liegen wir im Zelt.
Um 3.45 Uhr beginnen wir mit dem Aufstieg, ausgerüstet mit Schalenschuhen, Stirnlampe, Daunenjacke, dicken Handschuhen. Die Steigeisen sind im Rucksack und die Eispickel haben wir im Lager gelassen. Nach drei Stunden steilen Aufstieges über Geröllgelände beginnt die Morgendämmerung – ein tolles Gefühl. In regelmässigen Abständen machen wir eine kurze Trinkpause.
Für einen der Teilnehmer kommt der erste 6000er anscheinend noch zu früh und er entscheidet, vor dem Domo abzubrechen, um seine Kräfte für die nächsten 6000er Gipfel zu schonen. Eine vernünftige Entscheidung! Wir beschließen, dass der Rest der Gruppe mit einem unserer lokalen Guides weiter Richtung Gipfel aufsteigt, während ich mit ihm absteigen werde.
So kämpft sich der Rest der Gruppe langsam über den Steilhang des Domos hinauf. Das Gehen mit den Steigeisen auf den ca. 30-40 cm langen Spitzen des Büßerschnees ist sehr anstrengend. Sie machen immer wieder Pausen, gewinnen jedoch stetig an Höhe, bis sie aus unserem Blickwinkel verschwunden sind.
Der Abstieg geht ziemlich steil über eine Sandrinne hinab und so rutschen wir mal schnell, mal langsam herunter. Wir kommen gegen 11.30 Uhr wieder im Base-Camp an. Tee, Kaffee und Kekse warten schon auf uns. Wir befreien uns von den verstaubten Schalenschuhen und lassen unsere Gedanken schweifen...
Die anderen stehen um ca. 10.30 Uhr auf dem 6.030m hohen Vorgipfel des Guallatiri. Der Aufstieg mit knapp 860 Hm hat also 7 Stunden gedauert. Sie werden belohnt von einem tollen Panorama-Blick und stehen glücklich auf einem der höchsten aktiven Vulkane der Erde – ein ganz besonderes und außergewöhnliches Erlebnis. Die ersten sind kurz vor 13.30 Uhr wieder im Camp. Sie werden von uns mit heißem Mate-Tee begrüßt.
Unsere erster 6000er Gipfel war bezüglich Anstrengung keinesfalls zu unterschätzen, auch wenn es keine technischen Schwierigkeiten zu überwinden galt, dafür jedoch eisigen Büßerschnee, lockeren Sand und loses Geröll bei teils sengender Sonne. Sehr gute Kondition und mentale Stärke waren gefordert. Wir belohnen uns zum Abendessen mit einer Flasche guten chilenischen Rotweines und fallen bald in die Schlafsäcke.
Vulkan Parinacota (6.342m) - Chile
Rinconada liegt am Ende eines riesigen Bofedales (Hochmoor) und die Fahrt dorthin ist die reinste Safari, so viele verschiedene Vögel und Herden können wir aus nächster Nähe beobachten.
Nach dem Einräumen der Zelte erkundet jeder für sich die Gegend, bewältigt einige Höhenmeter oder spaziert hinunter zum Bofedal. Die Zwillingsvulkane Parinacota und Pomerape erheben sich majestätisch am Ende des Tales. Gegen 16.30 gibt es Kaffee und wir besprechen die nächsten Tage.
Wir stehen gegen 6.45 Uhr auf und sitzen schon eine halbe Stunde später beim Frühstück. Es gibt warme Tortillas, eine willkommene Abwechslung. Die Zelte haben wir um 8.00 Uhr leer geräumt und die notwenige Ausrüstung für das Hochlager in unseren Expeditionssäcken verstaut. Don Vincente beginnt umgehend, diese mit geübten Handgriffen auf seine Esel zu binden, welche in den Morgenstunden besonders störrisch zu sein scheinen. Im gemütlichem Tempo geht es zuerst angenehm über den gefrorenen Untergrund des Bofedals und danach über grossteils feinen Vulkansand zum Hochlager, das auf 5.180 m liegt. Da wir auch unser Essenszelt mithochnehmen, ist das Hochlager eigentlich eher ein vorgezogenes Basecamp. Komfort pur!
Beim Zeltaufbau packen alle mit an. Wir sichern die Zelte mit straffen Schnüren und grossen Steinen vor den zu erwartenden nächtlichen Windböen. Wieder gilt es, die Ausrüstung für den morgigen Gipfelsturm zu prüfen und vorzubereiten. Die Stimmung ist gut – niemand fühlt Gipfelzwang, sondern Gipfellust. Gegen 18.00 Uhr gibt es Abendessen und um halb acht liegen alle im Schlafsack.
Am Gipfeltag klingeln um 1.00 Uhr die Wecker. Doch alle sind bereits wach und werkeln im Schein ihrer Stirnlampen in den Zelten herum. So kommen die ersten schon nach einer Viertelstunde zum Frühstück, mit gutem Appetit und bester Laune. Kurz nach 2 Uhr sind alle fertig zum Abmarsch, gewappnet mit der Hoffnung auf einen Gipfelerfolg. Der Trupp sieht mit den vielen Stirnlampen aus wie ein außerirdisches Wesen, als er sich mit langsamen Schritt fort bewegt. Ich bleibe diesmal als Campverantwortliche im Lager. Die Gruppe kämpft sich durch die eiskalte Nacht und den kräfteraubenden Vulkansand hoch bis zum „geliebten“ Büssereis. Die ersten Sonnenstrahlen legen sich schon auch den Berg, während alle stoisch dem Gipfel entgegen steigen.
Kurz vor 11.00 sind alle geschlossen am Gipfel. Die atemberaubenden Ausblicke bis hinüber nach Bolivien und vor allem der Blick in den 250m breiten und sehr tiefen Vulkankrater bleiben unvergesslich.
Beim Abstieg zieht es die Gruppe etwas auseinander, so dass der Letzte erst gegen 16.00 Uhr wieder im Hochlager ankommt. Die meisten nehmen etwas Tee und Suppe zu sich, dann fallen sie erschöpft ins Zelt. Doch alle sind wohlbehalten, glücklich und stolz vom Gipfel wiedergekommen!! Am Abend gibt es Pasta und wie gewohnt wird mit ausgezeichneten chilenischen Rotwein auf den Gipfelerfolg angestossen.
Vulkan Sajama - (6.542m) - Bolivien
Am Vormittag erreichen wir nach einer kurzen Fahrt mit unseren Jeeps eine Estancia, wo vor traumhafter Kulisse unsere Esel beladen werden. Unweit von der Estancia beginnen wir mit dem gemütlichen Aufstieg zum Sajama-Basislager, welcher uns durch ein niedriges Quenua-Wäldchen und gefrorene Bofedale führt. Vor uns immer die spektakuläre, enorme Kraterabbruchwand des Sajama. Es herrscht angenehmes Trekkingwetter, doch die Windböen sind recht frisch.
Als wir im Base-Camp ankommen, steht das Essenszelt schon, die anderen Zelte sind auch fast fertig aufgebaut. Der Wind pfeift schon kräftiger durch den Kraterkessel und dicke dunkle Wolken ziehen sich um den Gipfel zusammen, welche in der untergehenden Sonne gleichzeitig majestätisch und bedrohlich wirken. Werden wir morgen erfolgreich zum Hochlager aufbrechen können? Absteigende Bergsteiger berichten, dass sie wegen des starken Windes keine Zelte im Hochlager aufstellen konnten und damit abbrechen mussten. In unseren Köpfen reift schon Plan B, während wir bei heißem Kaffee im Essenszelt sitzen und der Wind unaufhörlich um den Gipfel bläst. Jedoch die Hoffnung stirbt zuletzt...
Am frühen Morgen, nach der Ankunft der bolivianischen Guides und Träger, beginnen wir gegen 8.30 mit dem Aufstieg ins Hochlager. Die Träger werden uns bald flotten Schrittes überholen…
Am Anfang gehen wir über einen schattigen Schutthang und nach ca. 1 ¼ Stunden kommen wir in die Sonne – doch durch den Wind bleibt es weiterhin kalt. Der Anstieg verläuft anfangs recht oft flach und angenehm durch hellen Vulkansand, doch bald geht es ziemlich steil über Block- und Geröllgelände. Zum Schluss erwartet uns eine nicht ganz ungefährliche Passage rechts neben einem riesigen Felsblock, welche wir im Zick-Zack passieren. Vorsicht Steinschlag!! Hinter dem spitzen Felssporn, einigermassen geschützt, wartet das Hochlager auf uns. Zum Glück konnten unsere Träger auf der sehr exponierten Kanzel die Zelte schon aufstellen.
Die Landschaftskulisse vom Hochlager aus ist einfach atemberaubend. Eigentlich sollten wir diesmal unsere Zelte selbst aufbauen, doch die Träger haben die Zelte schon für uns auf den sehr knapp bemessenen Plätzen errichtet. Ich habe gerade mal 7 Zeltplätze zählen können.
Langsam kommt mehr Wind auf und die bolivianischen Guides steigen gleich weiter auf, um etwas oberhalb eine ca. 150m-Steilpassage mit Fixseilen zu versichern. Gegen 16 Uhr kommen sie leider unverrichteter Dinge zurück. Zu starker Wind verhinderte das Unternehmen. Die Seile haben sie jedoch oben gelassen, um zeitig in der Früh vorzusteigen und einen zweiten Versuch zu wagen. Wir hoffen noch immer, jedoch wurde bereits ein Plan B ausgearbeitet und in der Gruppe besprochen. Am späten Nachmittag servieren wir Suppe und Expeditionsnahrung direkt in den Zelten und dazu heiße Getränke.
Danach versuchen wir, ein wenig in unseren Zelten zu schlafen, doch der immer stärker werdende Wind lässt die Zeltwände laut knattern und wirklich schlafen kann niemand. Sturmartige, laute Böen drücken unaufhörlich auf die Zeltwände. Wie viel stärker muss der Wind also weiter oben sein?
Um 01.00 fällen wir per Radiofunk die Entscheidung, aufgrund der heftigen Winde noch nicht aufzusteigen. Ich krieche aus dem Zelt und informiere unsere Leute, der Wind lässt mich kaum sprechen. Als um 04.00 der Wind immer noch heftigst weht, beschliessen wir definitiv, den Gipfelversuch im Hochlager abzubrechen und nach den Frühstück wieder ins Base-Camp abzusteigen. Schade!! Ein dritter Gipfelsieg wäre schon toll gewesen, aber auch so sind alle glücklich und zufrieden. Allein die stürmische Zeltnacht im Steilhang auf 5.680m war ein echtes Erlebnis.
Da wir permanent mit dem Basislager in Funkkontakt waren, wurde schon alles Nötige veranlasst, um vorzeitig vom Berg abzurücken. Es warten bereits die Esel und Jeeps auf uns – alles klappt wie am Schnürchen und schon am späten Nachmittag sind wir wieder in Putre, wo wir eine von allen herzlich begrüßte Zusatznacht im Hotel verbringen. Heisse Duschen, ein richtig schönes Bett und ein exzellentes Abendessen warten auf uns. Die Umorganisation des heutigen Tages funktionierte wirklich perfekt! Es herrscht Urlaubsstimmung pur, wir lachen viel und gönnen uns abends ein paar Gläser Wein und Bier.
Am nächsten Tag fahren wir zurück nach Arica, wo wir einen freien Nachmittag genießen können. Abends gibt es im Azapa-Tal ein üppiges Abschiedsgrillfest in prächtiger Umgebung. Zum letzten Mal wird auf die schöne Zeit und die gelungenen Bergtouren zünftig angestossen.......
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